Mythos Wolf

 

Der Wolf kann auf eine lange Geschichte zurückblicken, in der er wie kein anderes Tier die Phantasie des Menschen anregte und Kulturen mitgestaltete.

 

Der Wolf prägte die religiöse und mystische Vorstellungskraft vieler Hochkulturen. In der altgermanischen Mythologie gilt er als Symbol dunkler Mächte. So wird er mit dem ruhmvollen Tod des Kriegers oder des Herrschers in Verbindung gebracht. In Ägypten ist es der Totengott oder Seelenbegleiter Anubis, der die Sterbenden begleitet und ihrer Seele beim Übergang in die Anderswelt hilft und beisteht. Häufig symbolisieren die Polarwölfe mit ihrer weißen Farbe die nicht sichtbare Wirklichkeit, eine Geisterwelt, in die Schamanen reisen und in die die Menschen eintreten, wenn sie sterben. In der germanischen Mythologie reitet die Seele auf einer Wölfin in die Anderswelt.

 

Für viele Naturvölker ist der Wolf ein Totem, der Ursprung ihrer Existenz. Die führenden Geschlechter vieler Turk- und Tatarenvölker leiteten ihre Herkunft von einem Wolf ab. Für sie galt er als heiligstes und höchstes Totem. Der Mongolenfürst Dschingis Kahn war besonders stolz auf seinen Ahnherrn, den Wolf. In der griechischen Mythologie gilt der Wolf als Beschützer für die Menschen. Aphrodite, die Göttin der Liebe, erscheint oft in Begleitung eines Wolfes.

 

Das alte Rom wurde der Sage nach von Romulus und Remus gegründet, die ihr Leben der Wölfin la Lupa zu verdanken haben. Noch heute gilt die Wölfin als Symbol warmherziger Mütterlichkeit. Die Kelten schilderten den Wolf als lebenserhaltend und zerstörend zugleich. Der Sagenheld Cormac mac Art wurde gleich nach der Geburt von einer Wölfin verschleppt und aufgezogen. Als er König wird, nimmt er seine wölfische Familie mit nach Tara und beschützt sie und ihre Nachkommen. Für die Kelten war der Wolf aber auch der Zerstörer, der Verschlinger der Sonne, das reißende Raubtier.

 

In Palästina wurde der Wolf erstmals zum Sinnbild des Bösen. Ein Vorgeschmack von dem, was der Wolf bis vor Kurzem von den Menschen zu erwarten hatte. Bei den Christen stiftete der heilige Franz von Assisi zwischen Wolf und Menschen den Frieden, indem er dem Wolf vorschlug, dass ihn die Menschen bis zu seinem Lebensende mit Nahrung versorgen, wenn er weder Tieren noch Menschen etwas zuleide tut. Der Wolf legte seine Pfote in die Hand des Franziskus und lebte daraufhin bei den Menschen in der Stadt.

 

Die Indianer sahen im Wolf den Bruder, in der Sprache der Sioux sogar tashunka wakan den „heiligen Bruder“, einen Teil der geehrten Natur und verehrten ihn als Jagdgenossen, Lehrer und Totem. Die Eskimos bewunderten vor allem seine Intelligenz, sein Geschick und seine Fürsorge. Indianer und Eskimos hatten ein positives Wolfsbild, obwohl er von der Jagd nicht verschont blieb. Die Indianer sehen noch heute im Wolf ein Du, dem sie Respekt und Wertschätzung entgegenbringen.